Metallfreie Wurzelkanal-Stifte. Eine gute Option für den klinischen Alltag?

Metallfreie Wurzelkanal-Stifte. Eine gute Option für den klinischen Alltag?

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Wann wird ein Wurzelstift benötigt?

Dies ist vor allem von der Ausdehnung der Restzahnhartsubstanz und somit dem Ausmaß des Zerstörungsgrades abhängig. Zudem muss ein Stift für die Aufbaufüllung ausreichend Retention bieten (Edelhoff 2003) und die Kaukräfte axial übertragen. So sollte beispielsweise bei Prämolaren ein Stift inseriert werden, wenn nur eine oder keine Kavitätenwand verblieben ist. Bei zwei oder mehr ausreichend dimensionierten Kavitätenwänden ist ein Stift normalerweise nicht erforderlich (Mangold 2011). Dank der Adhäsivtechnik stehen hier viele Aufbaumöglichkeiten zur Verfügung, die den Einsatz eines Stiftes nicht mehr zwingend erfordern (Edelhoff 2003). Somit kann minimalinvasiver gearbeitet werden. Risiken, wie z. B. Wurzelfrakturen oder Perforationen, werden vermieden (Edelhoff 2003). Auf einen ausreichenden „Ferrule“-Effekt (Fassreifen-Effekt) ist unbedingt zu achten.

Welche Vorteile bieten metallfreie Stifte?

Konfektionierte direkte metallfreie Stifte mit plastischem Komposit-Aufbau bieten dem Zahnarzt eine bessere Flexibilität während der Behandlung. Die Stifte können relativ kostengünstig innerhalb einer Behandlungssitzung vor der Präparation gesetzt werden. Zudem wird bei minimalinvasiven zahnfarbenen Restaurationen eine hervorragende Ästhetik gewährt. Weiterer Vorteil: Metallfreie Stifte zeigen keine biomechanische Degradation oder Korrosion (Sipahi 2014).

Metallfrei – Welche Materialien werden am häufigsten verwendet?

Zirkonoxidstifte oder quarz-/glasfaserverstärkte Stifte werden unter den metallfreien konfektionierten Stiften am häufigsten eingesetzt (Goracci 2011, Baba 2009). Glasfaserverstärkte Stifte haben – verglichen mit Zirkonoxidstiften – den Vorteil eines E-Moduls, welches mit dem des menschlichen Dentins vergleichbar ist.

Wie wird ein metallfreier Stift im Wurzelkanal befestigt?

Für die ausreichende Retention des Stiftes wird ein Befestigungsmaterial benötigt, welches einen guten Haftverbund zwischen Stiftoberfläche und Wurzeldentin herstellt (Jongsma 2010). Ein Verlust dieser Haftkraft („Debonding“) wird laut Studien als Hauptursache für das Versagen von Stiften angegeben (Bolla 2007, Cadidiaco 2007, 2008, Dietschi 2007, 2008, Ferrari 2007). Die Verwendung von traditionellen Zementen sollte sich auf metallbasierte Stifte beschränken. Metallfreie Stifte sollten ausschließlich adhäsiv befestigt werden (Ferrari 2001, Monticelli 2008). Hier kann zwischen konventionellen und selbstadhäsiven Befestigungskompositen ausgewählt werden. Da eine vollständige Lichthärtung im apikalen Bereich des gesetzten Stiftes nicht sichergestellt werden kann, sind dual- oder rein chemisch härtende Befestigungskomposite die Voraussetzung für einen sicheren Haftverbund (Ferrari 2001, Monticelli 2008, Goracci 2008). Die Verbundfestigkeiten der selbstadhäsiven Befestigungskomposite sind im Gegensatz zu konventionellen Befestigungskompositen reduziert. Das Handling ist jedoch deutlich einfacher und zeitsparender, da keine Vorbehandlung der Dentinwände nötig ist. Aus diesen Gründen wird in der Praxis überwiegend diese Befestigungsmaterialgruppe verwendet.

Schon seit längerer Zeit stellen metallfreie konfektionierte Stifte eine Alternative sowohl zu konfektionierten Metallstiften aus Titan als auch zu gegossenen Stiftaufbauten dar. Gründe für die steigende Akzeptanz metallfreier konfektionierter Stifte sind ästhetische und praktikable Aspekte (Goracci 2011). Gerade bei zahnfarbenen Restaurationsmaterialien kann ein Stift aus Metall zu ästhetischen Problemen führen, z. B. am Übergang zwischen roter und weißer Ästhetik oder beim Abdecken des dunkel verfärbten Zahnstumpfes.

Studie

Wissenschaftliche Untersuchung verschiedener metallfreier Glasfaserstifte

Studienaufbau

Die vorgestellte Studie diente der Bestimmung der Zugbelastung (ZB) und der Zugfestigkeit (ZF) von fünf Glasfaserstift-Systemen, die am Dentin im Wurzelkanal befestigt wurden. Insgesamt wurden 120 kariesfreie Prämolaren, Eckzähne und obere mittlere Schneidezähne fünf verschiedenen Glasfaserstift-Systemen (n=24) zugeteilt:

1) RelyX Fiber Post 3D (3M),

2) RelyX Fiber Post (3M),

3) LuxaPost (DMG GmbH),

4) FibreKleer 4X Tapered Post (Pentron) und

5) ParaPost Taper Lux (Coltѐne/Whaledent).

Die Befestigungsmethoden und Kunststoffaufbauten wurden mit den vom Hersteller empfohlenen Produkten vorgenommen. Anschließend wurden alle Proben für 24 Stunden bei 37 °C in Wasser gelagert. Zugbelastung und Zugfestigkeit wurden bei der Hälfte der Proben (n=12/Gruppe) direkt nach Wasserlagerung getestet. Die andere Hälfte wurde weiter mit thermischen Zyklen im Wasserbad (10.000×5 °C/55 °C) gelagert und im Anschluss gemessen. Hierbei konnten die Zugbelastung direkt gemessen und die Zugfestigkeit unter Verwendung der Bindungsoberfläche berechnet werden.

Ergebnisse

Die Messungen bei FibreKleer 4X Tapered Post und LuxaPost zeigten die geringsten mittleren Zugbelastungs-Werte, die sich jedoch nicht signifikant von den Werten bei RelyX Fiber Post und RelyX Fiber Post 3D unterschieden. Die höchsten Zugbelastungs- und Zugfestigkeits-Werte wurden für ParaPost Taper Lux beobachtet, jedoch lagen diese in der gleichen statistischen Teilmenge wie RelyX Fiber Post 3D und RelyX Fiber Post. Der Thermolastwechsel zeigte keinen Einfluss auf die Ergebnisse.

Schlussfolgerung und klinische Relevanz

ParaPost Taper Lux, RelyX Fiber Post und RelyX Fiber Post 3D konnten zusammen mit einem adhäsiven Kernaufbau die höchste Haftkraft gegenüber menschlichem Dentin erzielen. Die Parameter Zugbelastung und Zugfestigkeit zeigten die gleichen Tendenzen und statistische Aussagekraft. Die in dieser In-vitro-Studie erhaltenen Daten und weitere Bestätigungen aus klinischen Studien stellen Parapost Taper Lux, RelyX Fiber Post und RelyX Fiber Post 3D als eine gute Option für den klinischen Einsatz dar.

Aufgeführte Studie: Keul C, Köhler P, Hampe R, Roos M, Stawarczyk B. Glass Fiber Post/Composite Core Systems Bonded to Human Dentin: Analysis of Tensile Load vs Calculated Tensile Strength of Various Systems Using Pull-out Tests. Journal of Adhesive Dentistry. 2016;18(3):247-56. doi: 10.3290/j.jad.a36136.

Autoren: Anja Liebermann, Annett Kieschnick, Bogna Stawarczyk